Öffentliche Vorträge Zyklus 2026/2027
Unsere Vorträge finden in Präsenz am IPB am Helgoländer Ufer 5 statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Zertifizierung ist jeweils beantragt. Hierbei ist zu beachten, dass die Psychotherapeutenkammer keine Teilnahmelisten mit den sogenannten „Klebchen“ mehr akzeptiert und Ihnen auf diesem Wege Punkte gutgeschrieben werden, sondern, dass die Gutschrift der Fortbildungspunkte ausschließlich über das Einreichen einer Teilnahmebestätigung durch die jeweilige Teilnehmerin bzw. den jeweiligen Teilnehmer erfolgt. Wir führen zu unserer Dokumentation eine Teilnehmerliste, auf der Sie sich mit Ihrem Namen und Ihrer Unterschrift eintragen können. Die Veranstaltungen sind kostenfrei, wir freuen uns jedoch über freiwillige Beiträge zur Deckung unserere Unkosten.
„Gesellschaft“
Unter dieser Überschrift haben wir eine Reihe von Vorträgen zusammengestellt, die einen Einblick davon geben, was psychoanalytisches Denken zum Verständnis unserer Beziehungen zu der uns umgebenden Welt – der „Gesellschaft“ – beitragen kann.
Themen sind das Spannungsfeld „Ost-West“, von da ausgehend Fragen nach der „Heimat“ und den Schwierigkeiten, uns in der gegenwärtigen, zugespitzten Situation zu orientieren, uns in ihr zu bewegen und auch handeln zu können.
Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme und auf anregende Diskussionen.
Vorträge jeweils 20.30 Uhr
Mittwoch, 16. September 2026
Maria Johne
Neid und Ressentiment
als Begleiterscheinungen von gesellschaftlichen Transformationsprozessen in unseren psychoanalytischen Behandlungen
Im Vortrag wird den Ursachen und dem Verdrängten, die das wiedervereinigte Deutschland für viele Menschen im Osten, aber auch im Westen mit sich brachte, nachgegangen. Über die Auswirkungen der Transformationszeit der 90er Jahre im Osten Deutschlands wird oft geschwiegen. Das hat bei vielen Menschen, die im Osten geboren wurden, ein Gefühl der Scham, Ostdeutsche zu sein, zurückgelassen. Um die unzähligen Wunden zu heilen, die das Ende der DDR mit dem Untergang des eigenen bisherigen Lebens mit sich gebracht hat, blieb individuell und gesellschaftlich kaum Zeit. Stattdessen haben sich Neid und Ressentiments im Lauf der letzten Jahre verstärkt, was zum Erstarken extremistischer Parteien geführt hat. An Hand eines Fallbeispiels wird im Vortrag deutlich, wie sich diese gesellschaftlichen Entwicklungen auch in psychoanalytischen Behandlungen wiederfinden und nicht unabhängig von unserer historischen Entwicklung gesehen werden können.
Maria Johne ist Diplompsychologin und als Psychoanalytikerin, Kinder- und Jugendlichenanalytikerin und Gruppenanalytikerin niedergelassen in eigener Praxis in Leipzig. Sie ist als Lehr- und Kontrollanalytikerin der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) tätig. Von 2017-2019 war sie Vorsitzende der DPV. Seit 2021 ist sie Vorsitzende der Stiftung der DPV und seit 2024 stellv. Vorsitzende des Therese-Benedek-Institutes in Leipzig.
Mittwoch, 18. November 2026
Annette Simon
„Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“ – Heimat als ambivalenter Ort
Assoziationen zu Deutschland 36 Jahre nach der Vereinigung
Anhand von Assoziationen zu einem Ost/West-Traum der Autorin werden verschiedene Facetten des gegenwärtigen Standes der deutschen Vereinigung aufgeblättert. Die unterschiedlichen Alltagskulturen beider Seiten, die ab 1989 aufeinandertrafen, werden in ihrer Entwicklung angesehen. Dabei wird besonders auf die Verschiedenheit der Biographien der 68er Generation in Ost und West eingegangen. Des Weiteren wird die Trauer über den Verlust der DDR beschrieben als eine Trauer über den Verlust einer zwiespältigen Heimat und von Utopie, aber auch als eine Trauer über nichtgelebte Möglichkeiten. Hat die Westseite auch etwas zu betrauern?
Diplom-Psychologin, Psychoanalytikerin, in den 70er und 80er Jahren Mitglied verschiedener oppositioneller Gruppen in der DDR, 1989 Mitglied im Neuen Forum
Publizistisch tätig seit 1991 zu den psychosozialen Prozessen der deutschen Vereinigung
Auswahl: „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“- Versuch über ostdeutsche Identitäten. Psychosozial, 2009
„Wut schlägt Scham: 1989 und die AfD“, Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2019
“Heimat: ersehnt und umkämpft“, ebendort 11/2024
Mittwoch, 20. Januar 2027
Angelika Ebrecht-Laermann
‚Eindeutigkeit‘
Über Versuche, mit Sicherheit Unsicherheit herzustellen
„…und was soll ich jetzt machen?“ „…und was ist nun das Richtige?“ „…aber jetzt ist es zu spät.“ Solche Äußerungen von Analysepatient: innen gehören zu jenen Eindeutigkeitsformeln, denen ich meinen Vortrag widmen möchte. Sie suggerieren, dass es in einer Situation nur eine Möglichkeit des Verstehens und Handelns gibt und den einen richtigen Moment dafür. In meinem Vortrag werde ich den individuellen wie auch den gesellschaftlichen Strukturdynamiken solcher Situationsdeutungen nachgehen und sie mit Erklärungsmodellen aus der Philosophie, politischen Theorie, sowie der Kultur- und Gesellschaftstheorie verbinden. Typisierend möchte ich dabei verschiedene Grundmodelle herausarbeiten wie etwa: den richtigen Gedanken, die richtige Handlung, den richtigen Moment und das richtige Objekt. Paradoxerweise zeigt dieses Streben nach etwas absolut Richtigem gerade auf etwas Falsches: die Perversion eines imperativen Strebens, das Sicherheit will und Unsicherheit schafft.
Dr. phil. Angelika Ebrecht-Laermann, Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin (DPV/IPA/DGPT), niedergelassen in eigener Praxis in Berlin, Supervisorin und Lehranalytikerin am BPI (Karl-Abraham-Institut). Germanistin, promovierte Psychologin und habilitierte Politikwissenschaftlerin; langjährig tätig in universitärer Forschung und Lehre sowie als externe Psychotherapeutin im Berliner Strafvollzug und als Sachverständige Prognosegutachterin für Verkehrs- und Strafrecht. Mitglied im Editorial Board des International Journal of Psychoanalysis, ehemals Mitherausgeberin im Jahrbuch der Psychoanalyse, Veröffentlichungen zu Themen der klinischen Psychoanalyse sowie zur Sozialpsychologie und Kulturtheorie.
Mittwoch, 17. Februar 2027
Gisela Grünewald-Zemsch
Der Gedanke sucht den Denker? - Erhinken statt Erfliegen?
Wie psychoanalytisches Verstehen hilfreich und wirksam ist in Politik und gesellschaftlichen Diskursen - und wie wir immer wieder hilfreich scheitern
Angesiedelt in aufgewühlten und aufwühlenden Zeiten soll in diesem Vortrag über die inneren Bewegungen nachgedacht und in „slow motion“/Zeitlupe beschrieben werden, wie wir komplexe gesellschaftliche und politische Situationen erleben und auf sie reagieren. Die Psychoanalyse mit ihrer Kernkompetenz der Beschreibung und Nutzung emotionaler Prozesse als Fundament des Verstehens von teilweise undurchsichtigen, teilweise schwer hinnehmbaren Prozessen bietet (Selbst-)Erkenntnis und Hinweise auf Psychodynamiken in Gruppen und im Subjekt. Und dann ist da noch die Sorge darum, dass wir womöglich trotz des Verstehens nicht wirksam werden können. Worin liegt also das Wirksamwerden?
Dr. Gisela Zemsch, Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin (DPG, IPV, DGPT?). Dozentin, Supervisorin und Lehranalytikerin im Institut für Psychoanalyse (DPG) Nürnberg Regensburg, derzeit Leiterin der dortigen DPG-AG. Niedergelassen in eigener Praxis in Nürnberg.
Von 2017 bis 2023 Leitung des IPV-AZ in der DPG. Seit 2011 Mitglied der AG "Marktplatz Psychoanalyse“, inzwischen AG "Psychoanalyse in der Gesellschaft“
Forschung zum Thema „Psychoanalytische Ausbildungssupervision" und der Beziehung zwischen Supervisor: in und Supervisand: in in der institutionellen Ausbildung. Derzeit Forschungsprojekt zusammen mit B. Brosig (DPV): “Von der Graduierung zur aktiven Mitgliedschaft in DPG und DPV“.
Letzte Veröffentlichungen:
Grünewald-Zemsch, G. (2019): Die psychoanalytische Ausbildungssupervision - „Thinking under fire“ Geschichte, Methoden, Konflikte. Gießen, Psychosozial-Verlag
Grünewald-Zemsch, G. (2021): Supervision in der psychoanalytischen Ausbildung nach Eitingon Geschichte - Kontroversen - Entwicklungslinien. in: Hermanns, L.M., Bouville, V., Wagner, C. (Hrsg.): Ein Jahrhundert psychoanalytische Ausbildung. Einblicke in internationale Entwicklungen. Gießen, Psychosozial-Verlag. S.153-172
Mittwoch, 17. März 2027
Vera Rüster
William Kentridge:
Ein südafrikanischer Künstler „in der Verteidigung der weniger guten Idee“
Der im Südafrika der Apartheid aufgewachsene Künstler William Kentridge sieht die Widersprüche der ihn umgebenden Welt Südafrikas „immer als die Position, aus der heraus meine Kunst entsteht. Eine Art tief im Prozess verankertes Bewusstsein meiner Selbst“. Für ihn hat Kunst „eine wichtige polemische und politische Funktion, indem sie die Ungewissheit verteidigt, indem sie alle Formen von Gewissheit in Frage stellt, sei es in autoritärer Politik oder als Gewissheit eines Wissens“. In meinem Vortrag werde ich Einblicke in sein Werk geben, beispielsweise seine Adaption von Büchners Woyceck, die er in einem südafrikanischen Bergbaugebiet ansiedelt, und außerdem Gedanken aus seiner 2017 gehaltenen Sigmund Freud Vorlesung vorstellen, in der er unter dem Titel „In der Verteidigung der weniger guten Idee“ das Atelier des Künstlers mit dem „Raum der Psychoanalyse“ vergleicht – beides Räume, in denen Verbindungen geschaffen und Bedeutungen generiert werden, und in denen sich die „weniger gute Idee“ als die bessere erweisen kann.
Vera Rüster, Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin (DPG, IPV, DGPT), niedergelassen in freier Praxis in Berlin. Dozentin, Supervisorin und Lehranalytikerin am IPB Berlin. Ausbildung zur Kunsttherapeutin an der New York University. 2009 bis 2018 Mitglied des Übersetzerbeirates der „Internationalen Psychoanalyse“ (Übersetzungsband des „International Journals of Psychoanalysis“). Interessensschwerpunkte: präverbale Welterfahrung und psychoanalytische Ansätze zum Verständnis von Kunst und ästhetischem Empfinden.
Stand Juli 2026
